Lesen Sie hier über die Geschichte der Kulturvereinigung Bad Schwalbach
60 Jahre Kulturvereinigung Bad Schwalbach.e.V. von
Dr. Martina Bleymehl-Eiler (25.08.2011)
60 Jahre kontinuierliches Bestehen eines Vereins geben Anlass, einen Blick auf die Gründungsphase zu werfen.
Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal die Situation im Deutschland der Nachkriegszeit. Für die einen war es Befreiung und Hoffnung, für die anderen Niederlage, Ernüchterung und Angst. Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 endet der von Hitler- Deutschland entfesselte Krieg. Die Folgen von Diktatur und Weltkrieg bestimmten die Situa- tion in Deutschland. Die USA, Großbritannien, Russland und Frankreich besetzten Deutschland und übernahmen die Herrschaft.
In Bad Schwalbach war mit dem Einmarsch der Amerikaner im März 1945 der Krieg zu Ende. Die Besatzungstruppen lösten alle beste- henden NS-Verwaltungsstrukturen und NS- Organisationen auf. Im Alleesaal errichtete das 270. Engeers Batalion sein Hauptquartier. Hier befand sich auch das Büro des für den Untertaunus-Kreis zuständigen Residence- Officers. Bis 1951 war dies Edward M. Edwin, sein Nachfolger war John P. Shaw. Während der gesamten Zeit der Besatzung, die erst 1955 endete, bestimmte die amerikanische Militär- verwaltung maßgeblich das Leben in der Stadt.
Nach dem Willen der Alliierte sollten National- sozialismus und Militarismus in Deutschland ausgerottet werden. Ihre Hauptaufgabe sahen die Amerikaner daher in der Re-eduction. Edu- cation bedeutete nicht nur formale Erziehung, sondern auch Bildung und schließt in den USA weite Bereich des kulturellen Lebens mit ein. Unter Re-education verstanden die Amerikaner aber auch Demokratisierung und damit ver- bunden die Umerziehung der Deutschen zu verantwortungsvollen Bürgern eines neuen demokratischen Staatswesens. Ansatzpunkt hierfür war die Bildungs- und Kulturarbeit und zwar gleichermaßen im Bereich der Erwa- chsenbildung und der Jugendbildung.
Zentren der Re-education waren die Ameri- kahäuser, die in den großen Städten ein- gerichtet wurden. In kleineren Städten entstan- den so genannte Reading Rooms, die Lesehal- len. Bald überzog, ausgehenden von den großen Amerikahäusern, ein Netzwerk von 120 Lesehallen das Gebiet Hessens. Amerikahäuser und Lesehallen waren als Zentren konzipiert, um den Deutschen mit der Kultur und den Institutionen der westlichen Siegermächte und ganz besonders der USA bekannt zu machen. Alle Veranstaltungen sollten zu Diskussionen anregen, das Bewusstsein für ein tolerantes Miteinander wecken und die demokratische Lebenshaltung fördern.
Innerhalb des Re-education-Programmes hatte die Militärregierung in Hessen Bad Schwal- bach eine besondere Rolle zugedacht. 1948 regte sie die Gründung eines Leadership- Trainingscenters an. Diese Institution, die die offiziöse deutsche Bezeichnung „Heim für Volksbildung und Jugendpflege“ lautete, sollte Personen ausbilden, die als Jugendleiter und Sozialarbeiter tätig waren. Über diese Multi- plikatoren versprachen sich die Amerikaner eine wirkungsvolle Verbreitung ihres Demokra- tieverständnisses. Sitz des Trainingscenters wurde die Villa Lilly in Lindschied. Wegen der örtlichen Nähe zur Stadt erhielt die Institution den Namen Haus Schwalbach.
War das Haus Schwalbach eine zentrale Aus- bildungsstätte für ganz Hessen, so öffnete zusätzlich in Bad Schwalbach am 25. Oktober 1948 im Untergeschoß des Alleesaales auch eine amerikanische Lesehalle ihre Pforten. Sie war eine Dependance des Amerikahauses in Wiesbaden.
Die Lesehalle bot ein umfangreiches Veranstal- tungsprogramm an. Besonders mit zahlreichen Filmen sollte das Interesse der Bevölkerung an dem neu eingerichteten Zentrum geweckt wer- den. Gesprächsabende sollten gerade die ländliche Bevölkerung dazu bringen, sich mit den Bildungsangeboten der Lesehalle zu beschäftigen. Zur Auswahl standen neben den obligatorischen Englischkursen, Kurse zu Erziehungsfragen, Vorträge zu den verschie- densten Themen und Seminare zur Gesundheit- serziehung. Hinzu kamen Musikveranstaltun- gen und zahlreiche politische Diskussionsrun- den. Wie in anderen amerikanischen Leshallen auch, stand den Schwalbachern eine neu ein- gerichtete Bibliothek mit rund 2300 überwieg- end englischsprachigen literarischen Werken zur Verfügung. Hinzu kam eine große Auswahl an englischen Zeitschriften und deutschen Tageszeitungen. Die praktische Leitung der Lesehalle lag in den Händen einer Deutschen, Irmgard Weisser.
Das Echo auf das Angebot der Lesehalle war groß. Über den genauen Prozentsatz der Bevölkerung, die die Lesehalle frequentierten, herrscht allerdings Unklarheit. Vorsichtige Schätzungen gehen von etwa 15% aus. Ameri- kanischen Berichten ist zu entnehmen, dass die Besucher überwiegend der „gebildeten Schicht“ angehörten und vielfältige kulturelle Interessen hatten. Jüngere Besucher waren überrepräsentiert. Überaus beliebt waren die Filmvorführungen, den geringsten Zuspruch fanden die Diskussionsveranstaltungen. In der Bibliothek konzentrierte sich das Interesse auf Bücher, die in deutschen Büchereien nicht zu bekommen waren, wie wissenschaftliche und technische Werke, gefolgt von moderner Lit- eratur und historische Abhandlungen, vorwieg- end über die USA. Ein Renner bei Jugendli- chen waren die amerikanischen Cartoons. Besonderer Sympathie unter den Besucher erfreute sich das System der frei zugänglichen Bücherregale, etwas, was aus deutschen Büch- ereien in dieser Zeit weitgehend unbekannt war.
1951 fassten die Amerikaner den Beschluss aus Kostengründen die Zuschüsse für die Ameri- kahäuser und Lesehallen zu streichen. Da die Militärverwaltung weiterhin am Ziel der Re- education festhielt, bot sie den Stadtverwaltun- gen die Möglichkeit, die Lesehalle in eigener Regie zu übernehmen.
Als in Bad Schwalbach die Schließungspläne bekannt wurden, regte sich Protest in der Bevölkerung. Eine Liste mit 100 Unterschriften wurde an die Leiterin geschickt, die diese an die Militärregierung weiterleitete. Die bevor- stehende Schließung galt vielen als kultureller Kahlschlag, zumal es keine weiteren Bildungseinrichtungen für Erwachsene gab. Der Redakteur des Aar-Bote wetterte: „Hier gibt es kein Theater, kein Museum, keine Volk- shochschule, aber hier ist eine rege, an kul- turellen Dingen interessierte Bürgerschaft“. Am 7. Juni 1951 lud Standortkommandant Edwin die Entscheidungsträger aus Kreis, Kommunen und Kurverwaltung zu einem Gespräch über die Zukunft der Lesehalle ein. Dabei ergab sich, dass weder der Kreis noch die Stadt aus finanziellen Gründen die Träger- schaft übernehmen konnten. Die Stadt hatte nämlich bereits die Kosten der städtischen Leihbücherei zu tragen, die auf Anordnung der Kultusverwaltung nach der Aussonderung des
NS-Schriftgutes neu bestückt werden musste. Zudem plagten die Stadtoberen ganz andere, sehr drückende Sorgen: Bad Schwalbach und der Untertaunuskreis gehörten zu jenen Re- gionen der amerikanischen Besatzungszone, die den stärksten Zuzug an Flüchtlingen und Heimatvertriebene verkraften mussten. Die Einwohnerzahl Bad Schwalbachs hatte sich in den Nachkriegsjahren verdoppelt. Arbeitslosig- keit und drückende Wohnungsnot bestimmten den Alltag.
Ein begründetes Interesse am Erhalt der Lese- halle hatte die Kurverwaltung, sah sie darin doch einen wichtigen Bestandteil des von ihr entwickelten Unterhaltungsprogrammes. Kur- direktor Alfons Deisenroth sagte zu, die Kosten für Licht, Reinigung und Heizung der Lese- halle zu übernehmen.
Über die inhaltliche Arbeit und die Übernahme des Bücherbestandes war damit noch nichts entschieden. An diesem Punkt regte sich nun das bürgerschaftliche Engagement. Den Anstoß zur Fortführung der Lesehalle gab einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Lesehalle. Es war der pensionierte Oberstudiendirektor Emil Fiebelkorn. Er bildete einen Arbeitsausschuss, der über eine Trägerschaft beraten wollte. Hierzu lud er einen sehr sorgfältig ausgewähl- ten Kreis von 38 Personen zu einer Bespre- chung ein. Zu den Eingeladenen gehörte Re- präsentanten der Verwaltung wie Landrat Dr. Vitense, Bürgermeister Haenel, Vertreter des Magistrates, der städtische Jugendpfleger und der Stadtverordnetenvorsteher, sodann Vertreter der beiden Kirchen und „interessierte Bürger“. Zu dem Kreis der „interessierten Bürger“ gehört nach dieser Liste vor allem Beamte, Beamtenwitwen, ein Teil der Lehrerschaft, zwei Ärzte, ein Apotheker und ein Rechtsan- walt, zwei Damen mit einem Adelsprädikat und die Oberschwestern der Krankenhäuser.
Am 17. Juli 1951, zehn Tage nach dem Gespräch mit dem Standortkommandanten Edwin, trafen sich 20 der 38 eingeladenen Personen im Alleesaal zu einer Besprechung. Landrat und Bürgermeister ließen sich vertre- ten.
Über das Ergebnis dieser Zusammenkunft unterrichtete Emil Fiebelkorn Landrat Vitense einen Tag später in knappen, fast dürren Sätzen: Nach „eingehender Diskussion“ sei einstimmig beschlossen worden, zunächst eine „Vereinigung Lesehalle“ zu gründen, die als Rechtsträger gegenüber dem amerikanischen Eigentümern fungieren sollte. Aus ihr sollte „später gegebenenfalls eine Kulturvereinigung für den gesamten Untertaunuskreise geschaffen werden“. Alle anwesenden Personen erklärten sich bereit, dieser Vereinigung beizutreten. Fiebelkorn informierte auch den Direktor des Amerikahauses in Wiesbaden, Hans Tuch und den Standortkommandanten Edwin über dieses Treffen. In beiden Briefen erwähnte er ledi- glich, dass eine Vereinigung zur Fortführung der Lesehalle gegründet werden sollte. Interes- santerweise fehlt der Passus mit dem Hinweis auf eine mögliche spätere Kulturarbeit der Vereinigung im Kreisgebiet. Ganz offen- sichtlich hielt sich Fiebelkorn mit der Zu- kunftsplänen gegenüber den amerikanischen Behörden bedeckt.
Fiebelkorn trieb die Übernahme der Lesehalle mit großer Eile voran. Noch bevor die Vere- inigung überhaupt gegründet war, informierte er bereits das zuständige Amerikahaus in Wies- baden darüber, dass die seit nunmehr zwei Monaten geschlossene Lesehalle am 1. August 1951 wieder eröffnet würde. Fest terminiert hatte Fiebelkorn auch bereits die ersten Veran- staltungen. Die Betreuung der Bücherei sollte Irmgard Weisser fortführen. Am 31. Juli 1951 wurde in einer Versammlung die Satzung ver- abschiedet. Der Eintrag in das Vereinsregister erfolgte am 25. August 1951.
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Zu den sieben Personen, die die Statuten des Vereins als Gründungsmitglieder unterzeichne- ten, gehörten neben dem Initiator Emil Fiebelk- orn, die Lehrer Heinrich Stephan, Walter Schmitson und Adolf Kaiser, sodann die Biblio- thekarin Irmgard Weisser, Amtmann Kuhn und Amtsgerichtsrat Gilmer. Zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde Emil Fiebelkorn.
Sprache gehaltenen Vorträgen nicht immer folgen.
Kritik gab es auch daran, dass die amerikan- ischen Einrichtungen allzu oft Vorträge anboten, die zur Lebenswirklichkeit der Deutschen in der Nachkriegszeit keinen Bezug hatten und auch keine Hilfestellung zur Lösung der drängenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme boten. Wen Zukunftsängste plagten – und das war in dieser Zeit bei vielen Menschen der Fall – der fühlte sich von einem Vortrag über die Gewerk- schaften und deren Rolle in der amerikanischen Gesellschaft nicht angesprochen.
Die Kulturvereinigung setzte der Kulturoffen- sive der Amerikaner ein auf die europäische und vor allem deutsche Kultur ausgerichtetes Pro- gramm entgegen. Statt eines Vortrages über moderne amerikanische Kunst gab es Vorträge über die Kunst der Renaissance in Deutschland, statt eines Referates über moderne amerikan- ische Literatur gab es nun Vorträge über deut- sche oder französische Dichter.
Berichte über die USA boten die Programmver- antwortlichen der Kulturvereinigung jetzt höchstens einmal pro Quartal an. Statt poli- tischer Themen gab es nun einen Reisebericht z.B. „Die USA vom Atlantik bis zu den Rocky Mountains“ oder eine Lesung aus einem Best- seller. Amerika-Themen ganz aus dem Pro- gramm zu streichen hielt man während der Dauer der Besatzung bis 1955 nicht für ratsam, man wollte sich offenbar das Wohlwollen der Amerikaner erhalten. Nach 1955 wurde dann keine Amerika-Themen mehr angeboten.
Bei den Vorträgen setzte die Kulturvereinigung nicht auf Vortragszyklen, sondern ganz bewusst auf Einzelvorträge. Sie versucht damit das Interesse der Besucher auszuloten. Fast alle Referenten der Anfangszeit stammen aus Bad Schwalbach. Zu ihnen gehörten u. a. Lehrer Lendle, der an der Mittelschule unterrichtete, oder der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Prof. Thierfelder. Die Musikveranstaltungen standen unter der Leitung des Kapellmeisters der Kurkapelle, Otto Frickhoeffer. Landrat Vitense, ein promovierter Germanist, Bürger- meister Haenel und der städtische Jugendpfle- ger Geismar sind ebenso unter den Referenten zu finden, wie ein ansässiger bekannter Recht- sanwalt. Auch die Reiseberichte über das Aus- land stammten von Ortsansässigen. Deren Bei- träge beschrieben nun das europäische Ausland ganz aus deutschem Blickwinkel. Glaubt man den Zeitungsberichten, wurden dabei mitunter auch alte Vorurteile und Klischees transportiert. Ein wichtiger Bestandteil aller Veranstaltungen waren die anschließende Aussprache und Diskussion über das Gehörte oder Gesehene. Eine reine Wissensvermittlung ohne kritisches Hinterfragen des Gehörten wurde streng ver- mieden.
Abgesehen von der Leiterin des Hauses Schwalbach, Dr. Magda Kelber, sind in der Anfangszeit der Kulturvereinigung kaum Frauen unter den Referenten zu finden. Marie Fauser las 1952 aus Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Einem Vortrag einer anderen Dame stimmte der Vorstand, nicht etwa wegen deren wissenschaftlicher Qualifikation zu, sondern nur weil ihr Gatte in der Stadt bekannt war und als „vertrauenswürdig“ galt.
Ein besonderes Anliegen der Kulturvereinigung war es, die Mitglieder in den Genuss guter Theatervorführungen kommen zu lassen. Ein Vertrag mit der Landesbühne Rheinland-Pfalz sollte regelmäßige Gastspiele gewährleisten. Im Winterhalbjahr 1951/52 starte versuchsweise die erste Abonnementreihe mit vier Veranstal- tungen. Hilfreich war, dass es der Kulturvere- inigung gelang, die Abonnenten des Hessischen
Theaters der Jugend zu gewinnen. Dieses En- semble nahm 1948/49 vorübergehend seinen Sitz in Bad Schwalbach. Mit seinen umjubelten und mit höchsten Preisen ausgezeichneten Goethe-Inszenierungen hatte es sich einen großen Zuschauerkreis erobert. Zusammen mit dem Rhein-Main-Besucherring organisierte die Kulturvereinigung für ihre Abonnenten nun zusätzliche Fahrten zu Aufführungen in Wies- baden.
Anders als das Programm der amerikanischen Lesehalle sah das Angebot der Kulturvere- inigung in der Anfangszeit kaum Angebote für Kinder und Jugendliche vor. Lediglich in der Weihnachtszeit lief ein Märchenfilm. Ein zaghafter Ansatz, Malstunden für Kinder einzuführen, scheiterte am Veto des Kurdirek- tors, der um die Ruhe der Kurgäste fürchtete. Der Vorstand verfolgte das Projekt dann auch nicht weiter. Die Arbeit der Kulturvereinigung blieb in der Anfangszeit ganz auf die Erwachse- nenbildung ausgerichtet.
Verantwortlich für die Programmgestaltung der Kulturvereinigung war der Vorsitzende Emil Fiebelkorn. Fiebelkorn wurde am 29. Januar 1880 in Berlin geboren. Er studierte sehr wahr- scheinlich Germanistik und war bis zu seiner Pensionierung leitender Direktor des Humboldt- Gymnasiums im Berliner Stadtteil Tegel. Außer seiner Lehrertätigkeit war er lange Zeit ehre- namtlicher Leiter des Berliner Theaters der Jugend. Nach seiner Flucht aus Berlin, die ihn zunächst nach Österreich führte, kam er am 30. März 1946 nach Bad Schwalbach. Hier engag- ierte er sich in der Ortsgruppe der Kriegs- sachgeschädigten, deren Ehrenvorsitzender er war. Fiebelkorn, der zuletzt in der Parkstrasse 8 wohnte, starb am 12. Oktober 1953 nach schwerer Krankheit in Bad Schwalbach. In dem Nachruf der Kulturvereinigung hieß es, er starb mit „der ungestillten Sehnsucht nach der ver- lorenen Heimat im Herzen“. Beerdigt wurde er auf dem Wiesbadener Südfriedhof.
Hatte die Amerikaner das Programm einseitig auf die Vermittlung des American Way of life ausgerichtet, so erarbeitete Fiebelkorn für die Kulturvereinigung ein Programm, dass eine Brücke auch zu anderen Kulturen schlug. Gleichzeitig versuchte er, mit den unterschied- lichsten Veranstaltungen Allgemeinwissen zur regionalen Geschichte und zur deutschen Lite- ratur-, Musik- und Kunstgeschichte zu vermit- teln. Mit den Bunten Quiz-Abenden hielt ein Geselligkeitsmoment Einzug in das Programm. Sehr spärlich war das Angebot im Bereich der beruflich-orientierten Bildung. Die Sprachkurse spielten ebenso wie der Stenografiekurs nur eine untergeordnete Rolle im Gesamtkonzept. Das von Fiebelkorn zusammengestellte Pro- gramm spiegelt ein Bildungsideal wider, dass bereits in der Weimarer Republik durch die so genannten Volksbildungsvereine vermittelt wurden. Die Arbeit dieser Volksbildungs- vereine, geprägt vom Geist des Humanismus und der Aufklärung, zielte darauf ab, dem Men- schen über die unmittelbare Berufsausbildung hinaus, zu vertiefter Lebenserfahrung und selbständigem Urteil zu verhelfen und ihm den Weg zu bewusster Lebensgestaltung zu weisen. Der Einzelne sollte aus „der Masse heraus- geführt und zu einer eigenen Persönlichkeit geformt werden“. Der Weg dazu führte über die Weitergabe des kulturellen Erbes sowie dem Erkennen und Schätzen lernen des Wahren und Schönen. In der Zeit der NS-Herrschaft wurde diese Form der bisherigen Erwachsenenbildung beseitigt. Anstelle der Formung der Einzelp- ersönlichkeit trat die Erziehung zur Gemein- schaft.
Mit dem Wiederauflebenlassen dieses tradition- alistischen Bildungskonzeptes aus der Weimarer

Die Statuten sahen vor, dass die Mitglieder freien Zuritt zur Lesehalle und der Bibliothek, sowie freien Eintritt zu den monatlichen Vor- tragsveranstaltung und wöchentlichen Filma- bende haben sollten. Die Nutzung der Lesehalle sollte auf ausdrücklichen Wunsch der Ameri- kaner für alle Einwohner der Stadt und der Dörfer des Kreises kostenlos sein.
Mit ihrem Monatsbeitrag von 50 Pf. beteiligten sich die Mitglieder an Kosten für den Unterhalt des Bücherbestandes. Als Bonbon winkte den Mitgliedern der ermäßigte Eintritt zu aus- gewählten Veranstaltungen der Kurverwaltung.
Werfen wir einen Blick auf die Aktivitäten der Kulturvereinigung in der Anfangszeit. Angeboten wurden Schallplattenkonzerte mit Werken deutscher Komponisten, ferner Vor- träge, etwa über Heilkräfte des Atmens, und eine „astronomische Plauderei“, ferner ein Bunter Abend mit Quiz. Hinzu kamen Diavor- träge über europäische Städte wie Venedig und London, Berichte über das Alltagsleben in den Nachbarstaaten, ethnologische und klima- kundliche Vorträge, beispielsweise über Suma- tra. Andere Vorträge beschäftigten sich mit Gesundheitsfragen. An den Filmabenden liefen neben Klassikern wie Metropolis von Fritz Lang, Landschaftsfilme und ältere Dokumentar- filme etwa über Australien oder über die Aran- Inseln. Es waren niveauvolle Filme, die heute das Prädikat „besonders wertvoll“ bekämen. Englisch- und Französischkurse komplettierten das Angebot.
Was den Bad Schwalbacher nun monatlich als Veranstaltungen der Kulturvereinigung im Aar- Boten angekündigt wurde, unterschied sich grundlegend von dem Angebot der amerikan- isch geleiteten Lesehalle.
Die Amerikaner hatten ganz auf die Vermittlung amerikanischer Kultur gesetzt. Amerikanische Referenten sprachen über Politik in den USA, über das Wirtschaftleben der USA und das amerikanische Alltagsleben. Der Bücherbestand der Lesehalle bestand zur Hälfte aus eng- lischsprachigen Büchern mit dem Schwerpunkt auf anglo-amerikanischer moderner Literatur. Amerikanische Zeitschriften vermitteln Ein- blicke in die Mode- und Konsumwelt.
Auf amerikanischer Seite gab es durchaus Stimmen, die diese Art der Kulturvermittlung sehr kritisch sahen. Sie hoben hervor, dass das Angebot der Lesehalle qualitativ gut war, dass aber bestehende kulturelle Unterschiede ignori- erte wurden. Wegen unzureichender Sprachkenntnisse konnte ein Großteil der Bevölkerung den mitunter auch in englischer
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Zeit stand Emil Fiebelkorn im Nachkriegs- deutschland nicht alleine. Fast alle mit der Er- wachsenenbildung betrauten Institutionen knüpften nach 1945 wieder an die Zeit vor 1933 an und boten das gleiche pluralistische Pro- gramm. Der Glaube an die Existenz zeitlos gültiger Werte und Normen kam darin ebenso deutlich zum Ausdruck, wie die Betonung von Tugenden wie Urteilsfähigkeit, Sachlichkeit, Selbständigkeit und Toleranz. Die Rückbesin- nung auf diese Werte sollten den Menschen Orientierung und Halt in der Zeit des Umbruchs und Neuorientierung nach dem Krieg geben. Die Verfasser der 2009 erschienen, viel beachteten Deutschen Kulturgeschichte formulieren es härter: „Die bürgerliche klassische Kultur sollte den Weg aus der Barbarei der zurückliegenden Jahre weisen“.
Die amerikanischen Erziehungsoffiziere hielten dieses sehr traditionalistische Programm zwar generell für gut, sahen sie in der Förderung zur Kritikfähigkeit und Eigenständigkeit des einzel- nen auch einen Baustein für die Entwicklung der Demokratie. Sie wünschten sich aber eine Aus- dehnung des Programms, um auch greifbare Ergebnisse in der Alltagswelt zu erzielen. Sie stimmten darin mit den Kritikern des beschrie- benen Bildungskonzeptes überein, dass diese als „Elfenbeinturmkonzept“ bespöttelten, da ihm jeder Bezug zur Realität fehle.
So setzten die Amerikaner bei den hessischen Kultusbehörden bereits 1948 nach erbittert öf- fentlich geführten Diskussionen durch, dass an den fest institutionalisierten Einrichtungen der Erwachsenbildung – gemeint sind damit die VHS – weniger akademische und mehr prak- tische Kurse angeboten werden mussten. Hierzu gehörten Hauswirtshaftkurse ebenso wie kauf- männischem Rechnen. Solche Kurse sollten die wirtschaftliche Situation der Teilnehmer ver- bessern helfen.
Vor diesem Hintergrund wenden wir uns noch einmal den unmittelbaren Vorgängen um die Gründung der Kulturvereinigung zu.
In der ersten Hälfte des Jahres 1951 erschienen im Aar-Boten die ersten Berichte über eine mögliche Einrichtung einer Volkshochschule in Bad Schwalbach. Fiebelkorn kannte die erbitter- ten Auseinandersetzungen zwischen dem Hes- sischen Kultusministerium und den amerikan- ischen Stellen um die Einflussnahme auf die Arbeit der Volkshochschulen sehr gut. Er lehnte diese Einflussnahme ab. Die damit verbunden „Gemengelage von Altem und Neuem“, von deutschen Traditionen und ausländischen Ein- flüssen entsprachen nicht dem von ihm ver- fochtenen Bildungsideal.
Mit der in großer Eile betriebenen Konstituie- rung eines V e r e i n s zur Erwachsenenbildung schuf Fiebelkorn im Juli 1951 vollendete Tatsa- chen. Er hatte klar erkannt, dass es ihm nun in einem V e r e i n und nicht in einer Institution wie der Volkshochschule möglich sein würde, seine programmatischen Ideen ohne Beein- flussung durch staatliche Stellen zu verwirkli- chen.
Und jetzt wird auch verständlich, dass quasi erst in allerletzter Minute der Namen „Vereinigung Lesehalle“ in „Kulturvereinigung“ geändert wurde. Bis zuletzt sollte die neu zu gründende Vereinigung den Amerikaner gegenüber ledi- glich als neutrale Trägerin der Lesehalle auftre- ten. Aus diesem Grund strich Fiebelkorn auch in seinem Brief an den Standortkommandanten, in dem er ihn von der Gründung der Vereinigung Lesehalle unterrichtete, den Passus über die künftige kulturelle Arbeit des Vereins. Landrat und Bürgermeister hingegen, waren sehr wohl
von diesen Absichten unterrichtet, sie hatten sie sogar gebilligt.
Fiebelkorns Kalkül ging auf. Dort wo ein Verein sich der Erwachsenenbildung annahm, sahen die staatlichen Stellen vorerst keine dringende Not- wendigkeit, in die kostenträchtige Institution einer Volkshochschule zu investieren. Fiebelk- orn hatte also die Ansiedlung einer unter staatli- chen – sprich amerikanischen Einflüssen – ste- henden Einrichtung verhindert. So gesehen erscheint die Gründung der Kulturvereinigung fast als konspirativer Akt. Hierzu passt sehr gut, dass die örtliche Presse über die Versammlungen zur Gründung sehr vage, um nicht zu sagen oberflächlich berichtete, ganz im Gegensatz zu sonstigen Vorkommnissen in der Stadt, die in der Zeitung sehr ausführlich geschildert und kommentiert wurden.
Die Bücherei mit ihren 1700 englischen und knapp 700 deutschen Büchern wurde von der Bevölkerung ausgiebig genutzt, zumal der Bestand an deutschsprachigen Büchern konti- nuierlich aufgestockt wurde. Der Vorstand der Kulturvereinigung musste aber einräumen, dass die Frequenz der Bücherei wohl auch deswegen so hoch war, weil sie sich im Winter heizen ließ und bequem ausgestattet war. Sie bot den Nutz- ern eine gute Gelegenheit, den beengten Wohn- verhältnissen, die in dieser Zeit in Bad Schwal- bach herrschten, vorübergehend zu entfliehen. Auffallend ist die große Zahl der Buchausleihen durch Jugendliche. Rund 40% der Ausleihen wurde von ihnen getätigt. Gerade Jugendliche schätzten besonders das von den Amerikanern eingeführte und von der Kulturvereinigung beibehaltenen Prinzip der Freihandaufstellung: jeder konnte sich am Regal ungehindert seine Lektüre ohne Beratung oder gar Beeinflussung durch die Bibliothekare auswählen. Gute Akzep- tanz fanden auch die Theatervorstellungen und Theaterfahrten. Zusammen mit dem Besucher- ringe Rhein Main brachte es die Kulturvere- inigung zuwege, dass in den ersten beiden Jahren fast 9% der Einwohner Bad Schwalbachs eine Theatervorstellung besuchten. Die Vor- tragsveranstaltungen waren mit durchschnittlich 28 Teilnehmern ebenfalls gut besucht, wenn auch anspruchsvollere Themen weniger Zuhörer fanden.
Im ersten Jahrzehnt nach der Gründung kam das Angebot der Kulturvereinigung dem allgemei- nen Lese- und Bildungshunger der Bevölkerung entgegen. Erst in den 1960er Jahren ließ das Interesse nach. Unter dem Druck geänderter gesellschaftlicher Verhältnisse musste sich die Kulturvereinigung neu orientieren. Es war das Verdienst des neuen Vorsitzenden Paul Zipp die „realistische Wende“, eingeläutet zu haben. Die KV akzeptierte in Anerkennung der bestehenden Praxis berufsqualifizierende Bildung als Teil der Persönlichkeitsbildung und baute das Programm entsprechend aus. Mit diesem Richtungswechsel sicherte P. Zipp das Überleben der Kulturvere- inigung. Die Würdigung der umfangreichen Vereinstätigkeit unter seinem Vorsitz muss einem eigenen Vortrag vorbehalten bleiben.
Wie ordnete sich nun die Kulturvereinigung in das Vereinsleben in Bad Schwalbach der 1950er Jahre ein?
Das Vereinsleben der Stadt war in den 1930er Jahren unter dem Einfluss der NSDAP und vor allem während des Krieges weitgehend zum Erliegen gekommen. Es lebte erst Ende der 40er Jahre mit Einverständnis der Amerikaner wieder auf. Statistisch gesehen, engagierte sich in den 50er Jahren jeder zweite Einwohner Bad Schwalbachs in einem der rund 40 Vereine.
Mit 295 Mitgliedern war die KV binnen Jahres- frist nach der Gründung schlagartig zum zweit-
größten Verein in der Stadt aufgestiegen. Zah- lenmäßig mehr Mitglieder hatte nur der Turn- verein. Alle Mitglieder der Kulturvereinigung waren über 18 Jahre alt, Jugendliche gehörten nicht dazu. 245 Mitglieder, das entspricht 83% waren unter 65 Jahren, nur 48 Personen waren älter als 65. 53% der Mitglieder waren Frauen! Damit wies die KV den höchsten Frauenanteil unter allen Vereinen der Stadt auf, sieht man einmal von der evangelischen Frauenhilfe ab. Frauen zählten also zu den eifrigsten Konsumen- ten des Kulturangebotes.
Der hohe Prozentsatz der Mitglieder, die im erwerbsfähigen Alter standen, erklären wohl die Schwierigkeiten, 1952 neue Vorstandsmitglieder zu rekrutieren. Als Hinderungsgrund für eine aktive Mitarbeit gaben die meisten Zeitmangel und Arbeitsüberlastung an.
Betrachtet man die Berufsstruktur der Mitglieder in den Anfangsjahren, stellten Beamte und Ang- estellte ein Drittel, ein weiteres Drittel waren Geschäftsleute und Freiberufler. Hausfrauen und Personen ohne Berufsangabe stellten das ver- bleibende Drittel der Mitglieder. (71 Haus- frauen, 21 ohne Beruf). Lediglich ein Mitglied war Handwerker und einer Landwirt. Damit spiegelte die Berufsstruktur der Mitglieder ziem- lich genau diejenige der Bevölkerung Bad Schwalbachs wieder. Das statistische Amt stufte die Stadt in dieser Zeit bereits als Dienstleis- tungsstadt ein.
Die Berufsstruktur der Mitglieder belegt aber auch, dass die Aktivitäten der Kulturvereinigung in diesen Anfangsjahren alle Kreise der Bevölk- erung ansprachen. Dies zu erreichen war das Ziel der Vereinsgründer.
Das Vereinsleben der Kulturvereinigung wurde überwiegend von Alteingesessenen getragen.
74% der Mitglieder waren Einheimische. Die Behauptung, die in einem Zeitungsartikel ver- breitet wurde, dass lediglich 10% der Mitglieder gebürtige Schwalbacher waren, und der damit suggerierte, die Alt-Schwalbacher seinen kultur- feindlich, ist so nicht aufrechtzuerhalten. Obwohl seit Beginn der 1950er Jahre die Neubürger – Flüchtlinge und Heimatvertriebene – über 50% der Bevölkerung stellten, waren sie im Schwalbacher Vereinsleben unterrepräsen- tiert. Sieht man von den landsmannschaftlichen Vertriebenverbänden ab, waren in den meisten Vereinen nur rund 20% der Mitglieder dieser Personengruppe zuzurechnen. Eine Ausnahme hiervon bildete die Kulturvereinigung. Mit 26% hatte sie von allen Vereinen den höchsten Neubürgeranteil. Mit ihrem Veranstaltungspro- gramm leistete die Kulturvereinigung einen wichtigen Beitrag zur Integration der Neubürger.

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War man sich doch in Vielem fremd, wurden beiden Seiten etwa bei den Schallplattenkonz- erten mit klassischer Musik deutscher Kom- ponisten oder Vorträgen über Goethe und Schiller deutlich, dass man zumindest in dieser Beziehung gemeinsame Wurzeln hatte.
Betrachtet man die Geschichte der Kulturvere- inigung in ihrer Anfangszeit, so kommt dem Vorstand unbestreitbar der Verdienst zu, in der Stadt eine Einrichtung der Erwachsenen- bildung verankert zu haben, die nicht von staatlichen Stellen, sondern in der Hauptsache von den Bürgern getragen wurde.
Diese Leistung ist umso größer, da es keine traditionelle Vorgängereinrichtung gab, an die man hätte anknüpfen können, die KV konnte
Der Alleesaal von Rolf Stork
aber von den Vorarbeiten der Amerikaner, die die Bevölkerung für die Fort- und Weiter- bildung sensibilisiert hatten, profitieren. Obgleich sie sich dem schwierigen und seiner- zeit hieß diskutierten Feld der außer- schulischen Bildung verschrieben hatte, blieb die Arbeit der neu gegründete KV durch das geschickte Lavieren ihres Initiators Fiebelk- orns von jeglicher inhaltlicher Einflussnahme verschont. Ihr ambitioniertes Programm spiegelt das erwachenden Selbstbewusstseins in Deutschland nach dem verlorenen Krieg wieder. Zugleich ist es auch als Korrektiv gegen eine von den Siegern oktroyierte Kultur zu verstehen. Damit fügte sich die Arbeit der KV in dieser Zeit in die allgemeine Entwick- lung in Deutschland ein.
Es war von Anfang an der Grundsatz des Ini- tiators Emil Fiebelkorn „immer wieder von Neuem herauszufinden, was sich für die Kul- turvereinigung eignet oder nicht“. Die Kultur- vereinigung hat dies in sechs Jahrzehnten ihres Bestehens stets getan und so ihre Existenz gesichert. Und so bin ich zuversichtlich, dass sie sich diese Flexibilität auch weiterhin be- wahren wird. Ich wünsche ihr auch, dass sie sich jene Unabhängigkeit bei der inhaltlichen Arbeit bewahrt, für die die Gründer sich einge- setzt haben. Ich sehe optimistisch in die Zu- kunft und wünsche der Kulturvereinigung auf ihrem weiteren Weg alles erdenklich Gute.
Wilfried Meissner, Paul Zipp, Joachim Renz, Dieter Klein (v.l.n.r.)

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